Akupunktur: Mit Nadeln gegen den Schmerz

6. Februar 2020
9 Min.

Die Akupunktur ist eine Therapiemethode der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Eingesetzt wird sie bei einer Vielzahl von Krankheiten und Beschwerden, insbesondere auch bei chronischen Schmerzen im Rücken oder bei Migräne. Doch was genau passiert bei der Akupunktur eigentlich?

Frau erhält Akupunktur gegen ihre Schmerzen.

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Was ist Akupunktur?

Die Akupunktur ist Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Grundlage bildet die Vorstellung, dass durch den menschlichen Körper das Qi (Lebensenergie) fließt – und zwar durch Leitbahnen, sogenannte Meridiane, die den gesamten Körper durchziehen.

Laut der Traditionellen Chinesischen Medizin ist ein Mensch nur dann gesund, wenn das Qi harmonisch fließt. Demnach kann der Lebensfluss aber durch bestimmte Faktoren, wie zum Beispiel falsche Ernährung oder die Psyche, gestört werden – in der Folge sollen Blockaden im Körper entstehen, die wiederum Krankheiten beziehungsweise Beschwerden wie Schmerzen auslösen. Mithilfe der Akupunktur sollen diese Blockaden gelöst werden, damit das Qi wieder ungehindert fließen kann.

Aha!

Im Gegensatz zur Schulmedizin, bei der es sich um eine auf den Körper bezogene Wissenschaft handelt, wird der Mensch in der TCM als Ganzes gesehen. Das heißt, dass nicht nur der Körper, sondern auch die Seele und der Geist in die Behandlung mit einbezogen werden – sie bilden sozusagen eine Einheit. Daher stellt Akupunktur oftmals nur einen Teil der Behandlung dar, die häufig durch andere Methoden wie Massagen, Heilkräuter, Ernährungsberatung oder Bewegungstherapie ergänzt wird.

Von Kopf bis Fuß – die Meridiane des Körpers

Der TCM nach gibt es 12 Haupt- und 8 Sondermeridiane1, durch die das Qi fließt. Diese Leitbahnen ziehen sich durch den gesamten Körper, wodurch ein Netzwerk entsteht, das

  • die Kommunikation der inneren Organe untereinander ermöglicht,
  • Verknüpfungen zwischen Körperoberfläche und Organen sowie oberer/unterer und rechter/linker Körperhälfte schafft.
Akupunkturmodell zeigt die verschiedenen Meridiane des menschlichen Körpers.

Die 12 Hauptmeridiane sind nach den Organsystemen und Funktionskreisen benannt. Sie liegen direkt unter der Haut und sind daher für eine Behandlung besonders leicht zugänglich. Bei den Hauptleitbahnen wird zwischen Yin (weibliche Energie) und Yang (männliche Energie) unterschieden.

Die Yin-Meridiane verlaufen an der Vorder- beziehungsweise Innenseite des Körpers. Zu diesen zählen:

  • Herz
  • Nieren
  • Leber
  • Lunge
  • Milz-Pankreas
  • Perikard (Herzbeutel)

Demgegenüber verlaufen die Yang-Leitbahnen an der Rück- beziehungsweise Außenseite des Körpers. Hierunter fallen folgende Organe:

  • Dünndarm
  • Blase
  • Gallenblase
  • Dickdarm
  • Magen
  • Dreifach-Erwärmer-Meridian (keinem Organ zuzuordnen)

Jeweils eine Leitbahn aus Yin und eine aus Yang ergeben ein Leitbahnpaar. Die Sonderleitbahnen verbinden die 12 Hauptleitbahnen miteinander und unterstützen diese in ihren Funktionen. Nach TCM-Vorstellung besitzt jeder Sondermeridian einen sogenannten Kardinalpunkt (Öffnungspunkt, über den er aktiviert wird).

So wird die Therapie durchgeführt

Vor der eigentlichen Akupunktur erfolgt die Diagnostik nach den Vorgaben der Traditionellen Chinesischen Medizin. Gegenüber der westlichen Schulmedizin konzentrieren sich Therapeuten hier verstärkt auf die individuellen Befindlichkeiten und die Funktionen der betroffenen Organe. Entsprechend der Diagnose entscheidet der Akupunkteur, an welchen Körperstellen er die Nadeln ansetzt.

Bei der Akupunkturbehandlung, die meist im Liegen stattfindet, sticht der Therapeut an bestimmten Punkten sehr dünne Nadeln in die Haut. Meist werden zwischen 8 und 16 Punkte stimuliert.2 Da hierfür speziell geschliffene Nadeln verwendet werden, spürt der Patient nur wenig. Ein kleiner, anfänglicher Einstichschmerz ist jedoch möglich. Im Bereich der Einstichstelle kann sich zudem ein dumpfes Schwere- oder Wärmegefühl (De-Qi-Gefühl) einstellen, was auf eine gute therapeutische Wirkung hindeutet.

Gibt es Nebenwirkungen?

Als Nebenwirkung kann es zu Rötungen, blauen Flecken oder leichten Blutungen an der Einstichstelle kommen. Arbeitet der Therapeut nicht hygienisch, können zudem über die Akupunkturnadeln Erreger wie Bakterien unter die Haut gelangen und eine Entzündung hervorrufen. Um dies zu vermeiden, haben sich in der Praxis mittlerweile Einmalnadeln durchgesetzt.

Die feinen Nadeln verbleiben für etwa 20 bis 30 Minuten in der Haut.3 Im Anschluss entfernt der Therapeut die Nadeln wieder, sofern sie nicht bereits von selbst abgefallen sind. Bei akuten Problemen ist häufig eine einmalige Akupunkturbehandlung ausreichend, während chronische Beschwerden oftmals mehrere Sitzungen nötig machen, um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

Wer führt die chinesische Heilmethode durch?

Akupunktur wird von Ärzten, Hebammen oder Heilpraktikern angewandt, die eine Zusatzqualifikation in diesem Bereich absolviert haben. Die Behandlung erfordert fundiertes Fachwissen über den menschlichen Körper und sollte daher nur von qualifizierten Akupunkteuren durchgeführt werden. Bei falscher Anwendung kann es – in seltenen Fällen – zum Beispiel zur Verletzung von Nerven oder Gefäßen kommen.

Wie und wann kann Akupunktur helfen?

Das Setzen der Nadeln an bestimmten Punkten hat das Ziel, Organe und Nerven direkt zu beeinflussen und so das Energiegleichgewicht wiederherzustellen. In Abhängigkeit der vorliegenden Krankheit beziehungsweise des Symptoms werden unterschiedliche Punkte gewählt – und so verschiedene Wirkungen erzielt. Unter anderem sollen folgende Effekte möglich sein:

  • Linderung von (chronischen) Schmerzen
  • Regulation des Muskeltonus (Grundspannungszustand eines Muskels)
  • abschwellende und durchblutungsfördernde Effekte
  • Stärkung des Immunsystems
  • Entspannung und Stressabbau

Wer zahlt die Behandlungsmethode?

In Abhängigkeit der Behandlungsdauer und dem -aufwand belaufen sich die Kosten in der Regel auf 30 bis 70 Euro pro Sitzung.4 In einigen Fällen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Therapiekosten. So zum Beispiel bei chronischen Knie- und Lendenwirbelsäulenerkrankungen.

Die Akupunkturbehandlung findet vor allem bei chronischen Schmerzen Anwendung, wie beispielsweise

Aber auch zur Behandlung von Krankheiten wie Rheuma, Asthma, Allergien oder Bronchitis wird Akupunktur verwendet. Die Therapieform soll außerdem bei Übelkeit, Erbrechen, Schlafstörungen, Menstruationsbeschwerden sowie funktionellen Magen-Darm-Beschwerden wirksam sein. Eine weitere Indikation ist die Suchtentwöhnung wie Nikotinsucht.

Geburtsvorbereitende Akupunktur in der Schwangerschaft

Ergänzend zu anderen Maßnahmen wie Schwangerschaftsgymnastik und Atemübungen, wird mittlerweile auch geburtsvorbereitende Akupunktur für Schwangere angeboten. Diese soll dabei helfen, den Körper optimal auf die Geburt vorzubereiten (beispielsweise die Reifung des Muttermundes unterstützen).5

Akupunktur kann aber auch während der Geburt durchgeführt werden. Das Stimulieren bestimmter Akupunkturpunkte soll eine Schmerzlinderung erzielen, sodass weniger Schmerzmittel nötig sind.

Wie lässt sich die Heilmethode wissenschaftlich erklären?

Die Akupunktur gehört zu den am besten erforschten alternativen Heilmethoden und ihre Wirksamkeit ist in vielen Studien belegt. Vor allem in der Routineversorgung, so beispielsweise bei Kopfschmerzen, gilt die alternative Heilmethode als wirksam und sicher.6

Allerdings bleibt eine wissenschaftliche Erklärung zur genauen Wirkweise noch immer aus. Es wird jedoch vermutet, dass es durch den Nadelstich zu einer vermehrten Ausschüttung von schmerzstillenden und stimmungsaufhellenden Substanzen (wie Serotonin und Endorphine) im Gehirn kommt.

Darüber hinaus ist die Tatsache, dass viele Akupunkturpunkte an den Endpunkten von Nervenbahnen liegen, eine mögliche Erklärung für die Wirkung der alternativen Schmerztherapie. Durch die Stimulierung soll sich die Reizbarkeit von Nervenzellen ändern, sodass das Schmerzempfinden nachlässt.

Welche Rolle spielt der Placebo-Effekt?

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Qi, den Meridianen und der Anatomie beziehungsweise Physiologie des menschlichen Körpers. Es wird daher darüber diskutiert, ob die Einstichstelle wirklich eine Rolle spielt. Auch eine Scheinakupunktur, also das Setzen der Nadeln an einer beliebigen Stelle, sei demnach wirksam. Dennoch gibt es Studien, die der Akupunktur mehr zuschreiben als einen reinen Placebo-Effekt. Für die klinische Praxis ist es jedoch irrelevant, ob eine echte oder Scheinakupunktur zum gewünschten Ergebnis führt – hier sind Placeboeffekte teils fester Bestandteil der Schmerztherapie.7

Tanja Albert
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Medizinredakteurin
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