Migräne – mehr als nur Kopfschmerzen

Bei einer typischen Migräneattacke setzen auf einer Kopfseite plötzlich starke Schmerzen ein – deutlich stärker als bei gewöhnlichen Kopfschmerzen. Außerdem treten meist weitere Symptome auf, wie zum Beispiel Sehstörungen oder Übelkeit. Von Migräne spricht man aber erst, wenn die charakteristischen Symptome mindestens fünfmal im Leben eines Patienten aufgetreten sind.1

Was genau ist eine Migräne?

Die weitverbreitete Ansicht, dass leichte Kopfschmerzen eben „Kopfschmerzen“ sind und starke Kopfschmerzen „Migräne“, ist falsch. Aber was ist Migräne? Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die meist – aber nicht immer – mit starken, oft einseitigen Kopfschmerzen verbunden ist und phasenweise auftritt – als sogenannte Migräneattacken oder Migräneanfälle.

Man zählt die Migräne zu den primären Kopfschmerzen, denn die Schmerzen werden nicht durch eine andere Erkrankung verursacht, wie durch Bluthochdruck, eine Kopfverletzung oder einen Hirntumor. Bei den meisten Migränepatienten tritt der Schmerz streng einseitig, in der linken oder rechten Hälfte des Kopfes auf. Er kann sich aber auch auf die andere Kopfhälfte ausdehnen. Die Schmerzen können so stark sein, dass Migränepatienten während eines Migräneanfalls nicht mehr an Alltagsaktivitäten teilhaben können. Typisch ist, dass sie sich dann in einen ruhigen, dunklen Raum zurückziehen. Übrigens muss eine Migräne nicht unbedingt mit Kopfschmerzen verbunden sein. Es gibt auch Formen, bei denen anstelle von Kopfschmerzen andere Symptome auftreten, zum Beispiel Sehstörungen.

Migräneattacken verschlimmern sich manchmal im Lauf des Lebens, zum Beispiel bei chronischer Migräne. Bei den meisten Menschen verbessern sie sich jedoch mit zunehmendem Alter allmählich.

Migränearten

Medizinisch gesehen ist Migräne nicht gleich Migräne: Sie tritt in vielen Formen auf. Um die einzelnen Migränearten voneinander zu unterscheiden, hat die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society, kurz IHS) eine Migräne-Klassifikation aufgestellt.

Dauer einer Migräneattacke

Bei den meisten Patienten dauert ein Migräneanfall mindestens vier Stunden, er kann aber auch länger als 72 Stunden anhalten.

Eine Migräneattacke besteht aus

  • einer symptomfreien Anlaufphase,
  • einer Aufbauphase,
  • der Plateauphase und
  • der Nachphase, die ein oder zwei Tage dauern kann.

Dabei ist die Gesamtdauer einer Migräne länger als die Dauer der Kopfschmerzen selbst.

Häufigkeit von Migräne

Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der hausärztlichen Praxis, die Migräne steht mit 87 Prozent an erster Stelle.2 Frauen sind mit 12 bis 18 Prozent häufiger von Migräne betroffen als Männer (sechs bis acht Prozent).3 Vor allem Menschen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr haben mit Migräne zu kämpfen – im mittleren Lebensalter erreicht die Attackenhäufigkeit und -schwere ihren Höhepunkt.4 Die Auswirkungen der Beschwerden sind sogar so gravierend, dass sich täglich fast 17.000 Menschen aufgrund von Kopfschmerzen oder Migräne krankschreiben lassen müssen.5

Migräne-Symptome

Die Symptome sind von Mensch zu Mensch verschieden. Selbst bei ein und derselben Person müssen sich die Beschwerden nicht immer auf die gleiche Weise äußern. Typische Symptome einer Migräne sind zum Beispiel pulsierende und einseitige Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschüberempfindlichkeit sowie begleitende Übelkeit und/oder Erbrechen. Bei manchen Patienten treten Seh-, Sprech-, Wahrnehmungsstörungen oder Gesichtsfeldausfälle auf (sogenannte Migräne mit Aura).

Migräne – wann zum Arzt?

Obwohl es in Deutschland Schätzungen zufolge circa acht Millionen Menschen gibt, die unter Migräne leiden, sind nur circa 40 Prozent davon als Migränepatienten diagnostiziert.[6] Möglicherweise sind viele Patienten die Arztodyssee auf der Suche nach Hilfe und Schmerzlinderung leid, und gehen deswegen weniger zum Arzt. Das sollten Sie jedoch unbedingt tun, wenn Sie eines oder mehrere der oben genannten Symptome häufiger (an mehr als fünf Tagen pro Monat) oder in schwerer Form haben. Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt. Er wird Sie gegebenenfalls an einen Neurologen oder Schmerztherapeuten überweisen.

Um sich optimal auf den Arztbesuch vorzubereiten, ist es sinnvoll, für vier bis sechs Wochen ein Migräne-Tagebuch zu führen, das Sie Ihrem Arzt vorlegen können. Hier notieren Sie Ihre Symptome:

  • Art des Schmerzes (pochend, ziehend, stechend)
  • Ort des Schmerzes (beidseitig, nur links, nur rechts)
  • Intensität des Schmerzes (noch arbeitsfähig?)
  • Faktoren, die den Schmerz verschlimmern oder lindern
  • andere Symptome (wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräuschempfindlichkeit)

Wenn Sie eine Migräneattacke erleben, notieren Sie außerdem:

  • Datum
  • Uhrzeit von wann bis wann
  • was Sie vorher getan haben
  • Symptome
  • welche Medikamente Sie eingenommen haben
  • bei Frauen ist es auch sinnvoll, den Beginn der Periode zu notieren

Bei folgenden Symptomen sollten Sie sofort den Rettungsdienst (112) rufen:

  • Lähmung oder Schwäche in einem oder beiden Armen und/oder in einer Gesichtshälfte
  • undeutliche, verschliffene Sprache
  • ein plötzlicher starker Kopfschmerz, den Sie noch nie vorher verspürt haben
  • Kopfschmerzen mit hohem Fieber, steifem Nacken, Verwirrung, Doppeltsehen, Krampfanfällen

Diese Symptome können auf einen Schlaganfall oder eine Hirnhautentzündung hinweisen und müssen sofort ärztlich untersucht werden.

Diagnose der Migräne

Es gibt keine spezifischen Tests zur Diagnose einer Migräne. Normalerweise wird die Migräne diagnostiziert, wenn der Patient typische Symptome zeigt und der Arzt alle anderen möglichen Ursachen ausgeschlossen hat. Nach den Richtlinien der Internationalen Kopfschmerz Gesellschaft (International Headache Society) wird eine Migräne in eine von zwei Kategorien eingeteilt:

  • Migräne mit Aura
  • Migräne ohne Aura

Zur Diagnose der Migräne ohne Aura gelten nach diesen Richtlinien die so genannten „5-4-3-2-1-Kriterien“:

  • bisher fünf oder mehr Migräneattacken
  • vier Stunden bis drei Tage Dauer
  • wenigstens zwei der Symptome: einseitiger Schmerz, pulsierender Schmerz, moderate bis starke Schmerzen, Verschlimmerung durch körperliche Aktivität
  • wenigstens ein zusätzliches Symptom: Übelkeit, Erbrechen, Licht- oder Geräuschsensitivität

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die eigentlichen Ursachen für Migräne sind immer noch nicht vollständig verstanden. Mithilfe von Gehirnscans wurde aufgezeigt, dass eine Migräne mit einer Überaktivität der Nervenzellen in bestimmten Gehirnbereichen einhergeht. Tatsächlich unterscheidet sich das Gehirn eines Migränepatienten biochemisch von einer gesunden Person. Experten vermuten eine Kombination aus Umweltfaktoren und genetischer Veranlagung. Es gibt sogar eine seltene Form der Migräne, die familiäre hemiplegische Migräne, bei der man die verantwortlichen Gendefekte kennt.

Bei der Erklärung, wie es zu einem Migräneanfall kommt, geht man von folgender Hypothese aus: Zu Beginn kommt es zu einer vermehrten Erregung des Hirnstamms, einer zentralen Schaltstelle im Zentrum des Gehirns. Die Erregung breitet sich zuerst über die Sehrinde (ein Bereich auf der Rückseite des Großhirns) und dann über die gesamte Großhirnrinde (Cortex) aus. Dann werden schmerzverarbeitende Zentren aktiviert, die über einen Gehirnnerv, den Trigeminusnerv, schmerzvermittelnde Botenstoffe an den Blutgefäßen der Hirnhäute ausschütten. Das Pulsieren der erweiterten Blutgefäße wird dann als Migränekopfschmerz wahrgenommen.

Man geht davon aus, dass Migräneattacken durch spezifische Trigger ausgelöst werden, die aber bei den einzelnen Migränepatienten unterschiedlich sind.

Auslöser und Trigger einer Migräne

Manche Migränepatienten – aber bei weitem nicht alle – wissen genau, welche Faktoren bei ihnen eine Migräne auslösen können. Häufige Migräneauslöser sind zum Beispiel:

  • Allergien oder allergische Reaktionen
  • helles Licht, flackerndes Licht
  • laute Geräusche
  • Zigarettenrauch, strenge Gerüche, bestimmte Parfüme
  • Stress, Depressionen, Angstzustände, Erregung
  • Alkohol, niedriger Blutzuckerspiegel, Austrocknung des Körpers (Dehydrierung)
  • hormonelle Einflüsse (Menstruation, Antibabypille, Menopause)
  • eine Reihe von Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelinhaltsstoffen

Behandlung einer Migräne

Zur Behandlung der Migräne gibt es eine Vielzahl von Medikamenten, die entweder bei einem Anfall helfen (Akuttherapie) oder vorbeugend gegen Migräneattacken (Prophylaxe) eingesetzt werden.

Zum Einsatz kommen vor allem Medikamente, die gegen Entzündungen, Schmerzen und Übelkeit helfen. Zusätzlich sind auch nichtmedikamentöse Therapien möglich, um gegen Migräneattacken vorzubeugen.

Bei leichten bis mittelschweren Symptomen hilft im akuten Migräneanfall die frühzeitige Einnahme von Schmerzmitteln (Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac, Acetylsalicylsäure (ASS) und Naproxen). Schmerzmittel sollten Sie aber nicht häufiger als zehn Tage im Monat einnehmen, da sonst dauerhafte Kopfschmerzen als Nebenwirkung möglich sind. Die für Sie passende Therapie sollten Sie mit Ihrem Arzt absprechen.

Selbsthilfe bei Migräne

Um herauszufinden, welche Triggerfaktoren bei Ihnen Stein des Anstoßes für einen Migräneanfall sind, kann das Führen eines Kopfschmerztagebuchs sehr hilfreich sein. Notieren Sie darin, wann und in welchen Situationen die Migräneanfälle auftreten. Vorbeugend gegen Migräneattacken wirken eine geregelte Lebensweise, Entspannungsübungen (Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training) und sportliche Betätigung. Stress, starker Ehrgeiz und Perfektionismus dagegen können bei entsprechender Neigung Migräne auslösen.

Wenn es doch zu einer Migräneattacke kommt, sollten Sie sich in einen dunkeln und ruhigen Raum zurückzuziehen. Auch Schlaf kann erleichternd wirken. Neben Schmerzmedikamenten können Sie verdünntes Pfefferminzöl auf die Schläfen auftragen oder mit Tüchern umwickelte Eis-Akkus auf die schmerzenden Stellen legen.

Mehr erfahren:

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1 Keidel, Matthias: Migräne: Ursachen, Formen, Therapien, München, 2007, S. 16.
2 Gaul C, et al. Patientenratgeber Kopfschmerzen und Migräne. ABW Wissenschaftsverlag, Berlin 2016.
3 Ärzte Zeitung Online. URL: https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/schmerz/kopfschmerzen/article/518556/migraene-attacken-frauen-oft-sinkende-oestrogenspiegel-ursache.html (19.09.2017).
4 Neurologen und Psychiater im Netz. URL: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/migraene/was-ist-migraene (20.09.2017).
5 Schmerzklinik Kiel. URL: http://www.schmerzklinik.de/2011/04/15/migraene-17-000-pro-tag-arbeitsunfaehig/ (20.09.2017).
6 Migräne Chirurgie Zentrum. URL: http://www.migraine-surgery-centre.com/de/de/migraene-information/fakten.html (20.09.2017).